Vorurteile bei der Datenrettung

(Bochum, 07.10.2015) Bei der Datenrettung von Speichermedien gibt es eine Vielzahl von Vorurteilen, falschen Vorstellungen und Mythen wenn es um die Rettbarkeit geht. Erste Anlaufstelle, für von einem Datenverlust betroffene Nutzer, ist oftmals das Internet sowie zahlreiche Foren, bei denen immer wieder bestimmte Gerüchte zitiert werden ohne die Hintergründe zu verstehen. Die KUERT Datenrettung Deutschland GmbH hat sich einiger dieser Gerüchte angenommen und klärt die Hintergründe dieser oftmals fragwürdigen Internet-Tips auf.

Datenrettung - Vorurteile und Mythen sowie fragwürdige Forentips


Mythen und Vorurteile in Forentipps zur Datenrettung

1. Die Kühlschrank / Eisfach und Ofen Gerüchte

Eines der hartnäckigsten Gerüchte, die es auch immer wieder mal in die Berichterstattung v

on schlecht recherchierenden Journalisten schaffen, sind die Beschreibungen von Anwendern die es mittels eines Eisfachs, eines Haartrockners oder eines Backofens geschafft haben wollen ihre defekte Festplatte wieder zum Leben zu erwecken.
Einige Anwender die einen Datenverlust zu beklagen haben, orientieren sich häufig an "Forenlösungen", so abstrus diese auch klingen mögen. In der Praxis verschlimmern sie jedoch bestehende Beschädigungen an ihren Festplatten durch eine solche Vorgehensweise erheblich.

Aber woher kommen die Gerüchte Festplatten in Eisfächer oder Backöfen zu legen und was genau ist die Ursache und Wirkung solcher Aktionen ?

Zum Erhitzen oder einfrieren von Festplatten gibt es einige krude Theorien. Die Kernidee die damit verfolgt wird ist die dass plötzliche Temperaturwechsel von warmen zu kalten Temperaturen oder kalten zu warmen Temperaturen, das Metall im Innern der Festplatte, hier insbesondere den defekten Spindelmotor der Festplatte, ausdehnen soll, damit dieser wieder andrehen kann. Anderen Theorien zufolge soll ein Einfrieren der Festplatte es ermöglichen dass man einen zeitweiligen Datenzugriff auf überhitzte Platten erhält. Weitere Theorien drehen sich um das Lubrikant, einem ca. 2nm dünnen Schutzfilm auf den Magnetscheiben, bei dem eine Absenkung der Temperatur am Lubrikant festklebende Schreib-Leseköpfe angeblich wieder lösen soll. Das Lubrikant von Festplatten besteht aus Perfluoropolyether, einem Polymer mit einer durchschnittlichen Glasübergangstemperatur bei -60 bis -120 Grad C. Somit denkbar schwierige Zielvorgaben für die meisten Eisfächer.

Selbst wenn es theoretisch möglich wäre, dass ein Einfrieren der Festplatte es ermöglichen würde, dass diese wieder anfährt, so wäre dies nur für einen kurzen Moment der Fall und die Zeit wäre nicht ausreichend alle wichtigen Daten vom Laufwerk zu kopieren. Ein weiterer Punkt der dagegen spricht ist das Material. Legt man eine Festplatte in Flüssigstickstoff, so wird das Gehäusematerial selbst nicht spröder, es verändert nicht seine wesentliche Eigenschaft hinsichtlich äußerer Einflüsse. Bei Flüssigstickstoff reden wir von Temperaturen von ca. -200 Grad C, kühler also als ein Eisfach es je sein könnte.

Beim Einfrieren einer Festplatte entsteht Kondensation auf den Magnetscheiben. Damit Daten jedoch fehlerfrei ferromagnetisch ausgelesen werden können müssen die Scheiben frei sein von jeglicher Form von Partikeln oder sonstigen mikroskopischen Partikelrückständen. Die Platine der Festplatte die mit elektronischen Bauteilen bestückt ist wird durch Kondensationsrückstände feucht. Werden Festplatten also in einem solchen Szenario zu früh angeschaltet, so resultiert dies in einem Kurzschluss auf der Platine.

Somit ist von einem Einfrieren der defekten Festplatte zwingend abzuraten, wenn einem die Daten in irgendeiner Form wichtig sind.

In Fällen in denen Festplatten zu heiß werden, was allein schon äußerst selten vorkommt, liegt dies in der Regel an einer fehlerhaften Platine. Solche Fälle lassen sich durch die Konsultation eines Datenrettungslabors zumeist sehr erfolgreich lösen. Ein Abkühlen der Festplatte im Rahmen von Do-It-Yourself Aktionen kann man probieren, jedoch sind die Vorgehensweisen von Laboren gänzlich andere, dabei weniger invasiv und wesentlich erfolgreicher.

Zusammengefasst: Wem die Konsultation eines Labors zu teuer ist, der kann sich gerne in Forenbeiträgen bedienen, sollte sich jedoch darüber im Klaren sein, dass er hierdurch bestehende Schäden am Festplatten-Laufwerk in den meisten Fällen verschlimmert und bei Mißerfolg auch ein Rettungslabor vor zumeist unlösbare Probleme stellt.

2: Ein Schlag auf die Festplatte und Sie läuft wieder

Es gibt immer wieder Gerüchte im Internet, wie Anwender es auf simple Art und Weise durch einen Schlag auf Ihre defekte Festplatte geschafft haben wollen, diese wieder in einen lauffähigen Zustand zu bringen. Technisch betrachtet ist das möglich, jedoch nur mit sehr stark veralteten Festplatten. Jede Festplatte die jünger als 10 Jahre ist wird diese Vorgehensweise jedoch mit weiteren Beschädigungen quittieren. Schlagen, klopfen oder rütteln an ausgefallenen modernen Festplatten verstärken die bereits vorhandenen Beschädigungen nur noch und sind in keinerlei Hinsicht etwas was seriös zu empfehlen wäre.

Der Hintergrund dieses Vorurteils liegt weit zurück in der Vergangenheit, als die Köpfe von Festplatten noch die Eigenheit hatten von Zeit zu Zeit am Lubrikant (einer Schutzschicht die über den Magnetscheiben der Platte lag) festzukleben. Das Festkleben der Köpfe verhinderte ein Anfahren der Magnetscheiben, ein Schlag auf die Platte bedeutete somit eine Erschütterung des Laufwerks, ein lösen der festgeklebten Köpfe und somit im besten Fall ein Anfahren der Magnetscheiben. Dennoch brachte diese Vorgehensweise, größtenteils von Privatanwendern durchgeführt, schon damals nur stark eingeschränkte Erfolge und war oftmals mit einem erheblichen Datenverlust verbunden.

Jeder Schlag auf eine Festplatte, sei sie nun alt oder aktuell, führt in der Konsequent zu einer direkten Beschädigung der Magnetoberflächen und entsprechenden Kratzern auf den Scheiben. Jedes Bit was im Bereich dieser Kratzer liegt ist unwiederbringlich verloren.


3. Magnetscheiben von Festplatten lassen sich mühelos aus diesen entfernen und in einem anderen Festplatten-Gehäuse auslesen

Das ist falsch, da der Wechsel eines Plattenstapels oder auch nur einer einzelnen Magnetscheibe mit Risiken behaftet und schwierig durchzuführen ist. Ganz besonders an modernen Festplatten, da diese aufgrund Ihrer Kapazität über mehrere Magnetscheiben verfügen. Ein Anwender, die sich hieran versucht macht jede Chance auf eine spätere Datenrettung durch ein Labor zunichte. Die Ausrichtung der Scheiben sowie die Köpfe innerhalb einer Festplatte sind herstellerseitig auf ein µ genau kalibriert. Anwender sollten somit unter keinen Umständen versuchen, die Festplatte auch nur zu öffnen. Ein Plattenstapelwechsel oder eine Kalibrierung der Schreib-/Leseeinheiten sind Maßnahmen, die sich nur in einer Reinraum-Umgebung von professionellen Datenrettern durchführen lassen.

Ins Land der Fantasie lassen sich auch Theorien verweisen, bei denen Magnetscheiben mittels Laser-Technik oder anderen externen Maßnahmen ausgelesen werden können. Zwar gibt es im universitären Bereich Forschungsansätze die sich mit dieser Art von Technologie beschäftigen, jedoch findet diese Technik noch keinen praktischen Einsatz, da sie hierfür schlichtweg noch nicht ausgereift ist und größtenteils noch als theoretische Grundlagenforschung in den Kinderschuhen steckt.


4. Datenrettung sei durch die Herstellergarantie abgedeckt

Auch das ist falsch. Hersteller decken die Kosten für die Datenrettung von Festplatten nicht ab. Vielmehr verweisen viele Hersteller darauf, dass sie für eventuelle Datenverluste oder Beschädigungen der Festplatte nicht verantwortlich gemacht werden können und somit auch nicht dazu verpflichtet sind Festplatten zu reparieren. Falls Ihre Festplatte defekt ist und sich noch im Garantiezeitraum des Herstellers befindet, so wird Ihr defektes Festplattenlaufwerk durch ein funktionierendes ausgetauscht. Insofern ist es wichtig, regelmäßig die eigenen Daten zu sichern, da ein Festplatten-Ausfall jederzeit auftreten kann.

Werden die Daten auf einer defekten Festplatte dennoch zwingend zurückbenötigt, so ist ein spezialisiertes Datenrettungs-Labor der erste Ansprechpartner um die Daten wiederherzustellen.

5. Bei einer ausgefallenen Festplatte, ganz einfach die Platine tauschen

Teilweise falsch. Bei einer ausgefallenen Elektronik von sehr alten Festplatten (häufig < 300 GB) kann der Tausch mit einer baugleichen Elektronik durchaus zum Erfolg führen. Bei allen Festplatten >300 GB kann der Austausch einer baugleichen Elektronik zu einer Verschlimmerung des Schadensbildes führen, da die Elektronik zwar baugleich ist, die in Ihr gespeicherten, zumeist einzigartigen, Betriebsparameter im Festplattenbetrieb jedoch abweichen. Zu den Betriebsparametern von Festplatten gehören Informationen zur eingesetzten Firmware, zu den Schreib-Leseköpfen der Festplatte, fehlerhafte Einträge wie defekte Sektorenlisten im Servicebereich der Platte, usw. So ist es zwar möglich, dass der Tausch einer Laufwerkselektronik eine tote Festplatte wieder zum Leben erweckt, indem nach Anschalten der Platte die Scheiben wieder andrehen, quittiert wird diese Vorgehensweise jedoch durch ein Klicken der Festplatte, bzw. wird es unmöglich sein, einen Datenzugriff auf die Festplatte zu erhalten.

Selbst wenn die getauschte Platine zu 100 % baugleich ist, gilt dies nicht für die gespeicherten technischen Betriebsparameter im ROM, diese sind immer einzigartig und müssen von der defekten Platine auf die Ersatzplatine kopiert werden. Das macht einen Austausch der Platine (PCB) an modernen Festplatten, ohne entsprechendes Equipment und Know-How, komplett aussichtslos. Der Einsatz von falschen Parametern durch die Ersatzplatine kann auch Beschädigungen an der Firmware der Festplatte hervorrufen und bis zu einer Nicht-Rettbarkeit der Festplatte führen.

6. Mechanische Probleme innerhalb einer Festplatte lassen sich mit Software-Programmen lösen

Bei einer fehlerhaften Festplatten-Mechanik besteht keinerlei Zugriffsmöglichkeit auf die Datenebene. In solchen Fällen sollte man die Festplatte unter keinen Umständen mehr anschalten, bzw. den PC hochfahren, denn wenn die Schreib-/ Leseeinheiten der Festplatte beschädigt sind, so ist die Wahrscheinlichkeit von weiter reichenden Beschädigungen an der Oberfläche der Magnetscheiben besonders hoch. Im schlimmsten Falle kann ein mehrmaliges erneutes anschalten der Festplatte dazu führen, dass diese dann auch für ein professionelles Datenrettungslabor nicht mehr rettbar ist.

In Fällen bei denen eine defekte Festplatte schon auf der BIOS-Ebene nicht mehr angezeigt wird, sollten keine weiteren Schritte oder Maßnahmen eingeleitet werden um zu versuchen die Daten mittels einer Datenrettungssoftware zu retten. Was bereits auf BIOS Ebene nicht erkannt wird, kann auch durch eine Software (gleich welcher Art) nicht angesprochen werden. Dies gilt für alle Arten von Speichermedien wie z.B. Speicherkarten und USB Sticks und ist nicht nur allein auf Festplatten beschränkt.

In Fällen in denen ein physikalischer Defekt der Festplatte ausgeschlossen werden kann, da nur versehentlich Daten gelöscht wurden, eignet sich ein Rettungsversuch mit einer entsprechenden Software zur Datenrettung, jedoch sollte man vorher daran denken ein sektorbasiertes Image zu erstellen und seinen Rettungsversuch imagebasierend durchführen. Selbst für viele selbsternannte Rettungsspezialisten im IT-Fachhandel ist dieser Vorgehensweise zu umständlich und zeitintensiv, dabei gehört es zu den Basis-Grundlagen im verantwortungsvollen Umgang bei Aufträgen zur Datenrekonstruktion oder Analyse.

7. Nach Formatierung der Festplatte sind Daten permanent verloren

Unzutreffend. Die Formatierung einer Festplatte oder auch nur das Löschen einer einzelnen Datei, löscht die Datei zwar aus dem Inhaltsverzeichnis, jedoch nicht die gespeicherten physikalischen Inhalte auf den Magnetscheiben. Insofern ist die Datenwiederherstellung nach einer Formatierung oder Löschung der Festplatte durchaus möglich.

Dies gilt für logisch beschädigte Festplatten, jedoch gibt es auch Szenarien in denen eine Festplatte ein mechanisches oder physikalisches Problem hat, ausgelöst hierdurch kann es dann auf der Festplatte Bereiche geben, die nicht mehr gelesen werden können. Diese hieraus resultierenden Lesefehler, auch als schlechte Sektoren (Bad Sector) bezeichnet stellen einen Indikator für ein bestehendes physikalisches Problem an der Platte dar. Insbesondere wenn die Anzahl der gemeldeten schlechten Sektoren zunehmend steigt, ist Vorsicht geboten. Physikalisch beschädigte Sektoren sind für den Anwender in der Regel hierbei nicht rettbar.

Bei logischen Beschädigungen am Dateisystem, z.B. bei allen Arten von Überschreibungsszenarien wie der Neuinstallation eines Betriebssystems, geht die Wiederherstellungswahrscheinlichkeit der Daten Hand in Hand mit der Gesamtkapazität der zu rettenden Festplatten und dem Datenvolumen der neu auf diesen Datenträger geschriebenen Daten. Weitere Parameter, welche einen direkten Einfluss auf die Rettungswahrscheinlichkeit haben, wären dann noch der Fragmentierungsgrad der Dateien sowie die physikalische Positionierung der zurückbenötigten Daten. Auch Datei- oder Dateicontainer-Eigenschaften spielen hierbei eine Rolle, z.B. bei beschädigten TrueCrypt Partitionen oder Containern.

Ganz gleich, ob Sie Ihre Daten nun aus beruflichen oder privaten Gründen zurückbenötigen, sofern Ihnen Ihre Daten wichtig sind, wenden Sie sich an ein professionelles Labor zur Datenrettung um eine bestmögliche Chance zur Wiederherstellung Ihrer verlorenen Daten aufrecht zu erhalten.

Fazit

Abschließend kann man feststellen, dass viele Tips im Internet sich zurückführen lassen auf Anwendungspraktiken, die vielleicht vor 10-15 Jahren Ihre Gültigkeit hatten und vielleicht auch bei dem einen oder anderen Anwender zum Erfolg geführt haben, diese in der Mehrzahl heute wie damals jedoch mehr Schaden anrichten, als dass sie Nutzen stiften. Insbesondere da die Datendichte pro Magnetscheibe in den letzten Jahren gravierend gestiegen ist. Wem nach einem Defekt der Festplatte die Daten wichtig sind, der sollte ein Daten-Rettungslabor konsultieren. Keinen Freund, keinen Nachbarn und auch keinen IT-Studenten oder IT-Fachhändler. Nur Rettungslabore verfügen über die Ausstattung und das Wissen was erforderlich ist, professionell mit allen Arten von Beschädigungsszenarien an Festplatten umzugehen.

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